Geduld…

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… Ich warte auf eine Quittenlieferung!

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Die Neue-Welt-Tomatensoße

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Seit Tagen versuche ich den Film „Die andere Heimat“ zu sehen. Ich habe die Serie geliebt, jetzt will ich unbedingt das Prequel sehen. Anno Domini 1842, da geht das Autorenherz auf. So einfach ist das aber nicht, wann soll man 4 Stunden Film im Kalender unterbringen? Jeder Versuch ist bisher gescheitert. Zu viel Arbeit, keine Zeit, zu müde – es ging nie. Heute war es besonders schlimm. Der Sonntagnachmittag war reserviert, alles fertig, was fertig sein sollte. Aber: kein Parkplatz weit und breit. Ich weiss gar nicht, wann ich wieder 4 Stunden ansparen kann.

Was ich so gern gesehen hätte, den Aufbruch so vieler Deutscher in die neue Welt im 19. Jahrhundert (und auch meine Enttäuschung), habe ich kulinarisch verarbeitet.

Ich wollte sowieso eine weitere Tomatensoße für den Winter machen. Die sollte aber ganz anders sein als ihre Vorgängerinnen. Von Jamie Oliver kam die Idee, eine Tomatensoße mit Kürbis im Backofen herzustellen. Das hatte ich schon letztes Jahr ausprobiert, es war lecker und völlig unkompliziert. Nach der Filmenttäuschung war ich auf die Neue Welt fixiert, also habe ich die Jamie-Oliver-Idee ausgeweitet und ein Neue-Welt-Konzentrat gemacht, sprich eine Tomatensoße mit richtig Native-American-Touch. Toll für kalte Herbst- und Winterabende!

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Septemberblues

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Odi et amo. Ich hasse und ich liebe. Wie der betrogene Catull über seine untreue Geliebte grübelte, so liebe und verfluche ich den Altweiber-Monat September. So viel Schönheit, so viel Vergänglichkeit, so wenig Zeit, alles aufzunehmen, alles zu erleben, was das Füllhorn des Herbstes uns großzügig schenkt. Warum wird hartnäckig behauptet, alles würde im Frühling blühen und sprießen? Sprießen, ja, das muss wohl irgendwann stattfinden. Blühen? Tut mir leid, es blüht hauptsächlich im Herbst. Ein Rosengarten ist im Frühling, sogar noch am Anfang des Sommers, trostlos. Doch jetzt ein duftendes Wunder, mit dem traurigen Ergebnis, dass ich im Lauf des Jahres niemals ein stärkeres Gefühl habe, Zauberhaftes zu verpassen als in diesen goldenen Wochen.

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In den Selbstversorgerträumen meiner Kindheit kam die große Inspiration, genau wie heute, mit dem Schulanfang. In Paris stieg sie mir in den Kopf mit dem Geruch der Abendfeuchtigkeit unter den Kastanienbäumen, dem ersten Laub im Jardin du Luxembourg, den ersten Lichtern am Spätnachmittag, den ersten gerösteten Maronen nach der Schule vor den schmiedeeisernen Gittern der Metrostationen. Überhaupt die Maronen, besser gesagt die Esskastanien. Ihre Wärme in meinen Händen ließ mich träumen von ganz unzivilisierten Zuständen, von nebligen Dorfhäuschen weit weg von Paris, von moosigen Waldhütten à la Schneewittchen. Da war einiges wichtiger als das Rechnen, die Turnübungen und die verschiedenen Arten von Schönschrift, die wir damals noch lernen mussten. Den Winter zu überleben, damit wollte ich mich beschäftigen.

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Pilze sammeln und trocknen, Marmeladen kochen, Einmachen, Räuchern, ich malte mir alle Details aus. Äpfel und Birnen im Keller, zusammen mit Kartoffeln und Wurzelgemüsen, Zwetschgenmus in Gläsern – das wäre doch etwas gewesen. Meine Phantasien machten auch vor den Schweinen nicht halt. Ohne zu zögern, hätte ich sie liebevoll aufgezogen, um im Herbst ein Schlachtfest zu veranstalten. Schmalz, Würste, Speck, Grieben, Geselchtes, da kann der Winter kommen.

Später in Südfrankreich wurden meine Sehnsüchte schlimmer. Denn es gab weit mehr, was man hätte einmachen können, zum Beispiel die köstlichen Feigen mit ihren bezaubernden Farben mandelgrün und dunkellila. Ich zerbrach mir jahrelang den Kopf mit der Frage, wie das Aroma der Feigenmilch in der Feigenkonfitüre erhalten bleiben könnte. Die Lösung habe ich noch nicht gefunden, aber eines Tages werde ich sie haben. Wenn ich nur mal im September ein kleines bisschen mehr Zeit hätte …

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Und die Farben, großer Gott, die Farben! Immer wieder hört man von Neid zerfressene Touristen, die den Mittelmeerraum eben dann verlassen müssen, wenn es am prächtigsten wird: „Wir im Norden haben einen wirklichen Herbst! Ihr mit Eurer immergrünen Vegetation kennt das gar nicht, diese romantische Stimmung, diese Farben ….“. Von wegen! Habt Ihr schon mal Weingärten im Herbst gesehen? Die nehmen es locker mit dem amerikanischen Indian Summer auf. Die herbstlichen Sonnenuntergänge auf dem Mittelmeer, das jetzt blauer leuchtet denn je? Mit Photoshop kriegt man das nicht besser hin.

September, Oktober, verweilt doch, Ihr seid so schön! So schnell vorbei, so unerreichbar …

Unerreichbarer denn je …

Die grüne Bewegung hat Früchte getragen: Die vergessenen Gemüse sind die neuen Kunstwerke, die alten Haustierrassen galoppieren zurück, „lokal, regional“ sind in aller Munde, Urban Gardening, die Avantgarde des Postmodernen. Ergo: Nie waren die Märkte bunter, praller, reicher, verlockender. Nie gab es so viel, was das seelische Überleben im grauen Winter sichert. Die späten Sommerpfirsiche kuscheln mit den Erdbeertrauben (in meiner südfranzösischen Kindheit noch eine Rarität!), die letzten, purpurnen Himbeeren mit den vollreifen Zwetschgen wie im Garten Eden das Lamm mit dem Löwen. Ein Traum, eine Idylle, eine ewige Sehnsucht …

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Nun ja, der Winter wird kommen. Hier in München, fast 600m über dem Meeresspiegel, spätestens Anfang November. Da braucht man gute Tomatensoße für die nächsten 6 Monate. Mindestens. Nichts rettet über die Wintermonate besser als eine gute Tomatensoße. Nichts ist schwieriger zu finden – und unverschämt teuer, hat man sie denn gefunden. Aber auch nichts ist einfacher und preiswerter, als sie jetzt selbst in großen Mengen zu machen.

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(Zum Vergrößern reicht es, wie immer, das Rezept selbst anzuklicken!)

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Backfieber

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Unten am Park steht eines der schönsten Häuser Münchens. Bestes, verspieltes 19. Jahrhundert, aus den Zeiten, in denen „Bad Thalkirchen“ noch DIE modische Sommerfrische der Hauptstadt des Königreichs Bayern war. Lange wohnte dort die alte Pudelhündin Kaba (ja genau, nach dem Kakaogetränk). Mit Herrchen und Frauchen, die das Leben und Wohnen in diesem Architekturjuwel genossen. Solange Kaba lebte und – von Jahr zu Jahr langsamer – im Park ihre Runden drehte, wagte sich niemand an ihre traute Umgebung. Die Fassaden in Zartrosa und Elfenbein bröckelten an immer denselben Stellen, manchmal drang Wasser von oben und von unten ins Haus – aber das alles wurde in Kauf genommen, um Kabas Lebensabend in der gewohnten Umgebung ruhig ausklingen zu lassen. Doch dann gings ruckzuck.

Die Bewohner zogen aus, das Haus stand erst lange leer, wurde verkauft, stand nochmals leer (es fanden sich keine reichen Russen, die einziehen wollten), wurde wieder verkauft (an eine Hamburger Millionärin, wie man hört) und fast zwei Jahre lang renoviert von Menschen, die kein Wort Deutsch sprachen, sich aber wie Schneekönige freuten, wenn für Garten- und Dacharbeiten bei den Nachbarn fünf Euro in ihrer Hosentasche landeten. Hier ist jedoch nicht der Ort, um über Geiz, Ausbeutung, Millionenvermögen oder Hamburger Kaufmannsadel herzuziehen. Fakt ist: Heute ist das komplett renovierte Haus in acht Wohnungen unterteilt.

Auf eine dieser Wohnungen im 1. Stock war ich besonders neidisch. Sie hat einen großen, langen Wintergarten mit einem Eckturm als Abschluss. Seit der Renovierung befindet sich darin eine Küche, die ich mir in den schönsten Farben ausmalte. Eine Wintergartenküche, wenn das nicht schick ist! Neulich aber traf ich im Park die adrette junge Frau (mit Hund!), die hier ihr Zuhause gefunden hat. Sie dämpfte meine Begeisterung. Weil denkmalgeschützt, darf auch die Wintergartenküche nur eine Einscheibenverglasung haben. Das Ecktürmchen ist nicht isoliert: Zwischen Temperatur draußen und Temperatur drinnen befindet sich nur eine dünne Lage Kupfer. „Beim ersten Sonnenstrahl wirds brütend heiß. Ist es draußen kalt, brauche ich eine Daunenjacke, dicke Strümpfe und gefütterte Schuhe.“ Doch sie freut sich, dort zu wohnen, denn als Kind lebte sie in der Nachbarschaft. Auf meine Frage, ob sie oft koche, antwortet sie: „Ja, aber vor allem backe ich. Oft mehr, als wir essen können.“

Diese Aussage lässt mich nicht los, denn das habe ich schon oft gehört. Ich sehe es auch. Während „Beef“ (letzter Titel „Granate grillen“) die Weicheier zurück zur Männlichkeit führt, vermehren sich auf der Frauenseite die Backzeitschriften wie Karnickel. Die Hälfte davon befasst sich nur mit Kuchendeko. In München entsteht (zu meiner großen Freude) eine ganze Landschaft aus feinen, kleinen Patisserien und Cafés, die eine fast ausschließlich weibliche Kundschaft haben. Sehr angenehme Oasen der Muße und Entspannung.

Doch der kritische Geist in mir schreit: Warum, zum Kuckuck, backen junge Frauen so gern und wollen nicht mehr kochen?

In Frankreich spottete die frivole Königin Marie Antoinette (eine Österreicherin) zu Beginn der Revolution über die hungernden, aufrührerischen, aber noch königstreuen Pariser mit dem bekannten Satz „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.“ „Kuchen“ ist eine schlechte Übersetzung des Worts „brioche“. Eigentlich sollte es heißen: „… sollen sie doch Osterzopf oder Butterkuchen essen“, tut aber nichts zur Sache. Der Satz kostete ihr (und nicht nur ihr) letztendlich den Kopf. Zu jener Zeit, in jener Welt genoss das Allernötigste noch so viel Wertschätzung, dass dessen Verachtung dem Sturm der Entrüstung seinen größten Auftrieb gab.

Und heute? Warum backen so viele Frauen, verabschieden sich aber vom Kochen?

Weil es möglich ist?
Das Nötige haben wir überall im Überfluss. Also gönnen wir uns den Luxus, uns nur mit dem Überflüssigen zu beschäftigen. Dafür ist Süßes gut geeignet, denn es war lange genug absoluter Luxus.

Weil die granatengrillenden Männer uns Weibern so leichter aus der Hand fressen?
Bei aller Leidenschaft für Fleisch sind so gut wie alle ausgesprochene Süßschnäbel. Schon Mama geizte nicht mit Süßem für den Liebling.

Weil jeder für Süßes dankbar ist?
Folglich lohnt es sich mehr, die knappe Zeit darauf zu verwenden.

Weil die Lebensmittelindustrie und ihre Werbung uns so konditioniert haben, dass nur das süße Leben das wahre Leben sein kann?

Weil Kochen vielleicht eklig ist?

 

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Obst und Gemüse wollen geputzt und geschnippelt werden, vergammeln, d.h. sie stinken leicht; der Braten versaut den Backofen, das Steak und die Bratkartoffeln den Herd, der Fisch verpestet schnell die Luft, seine Abfälle den Mülleimer. Ich kenne etliche Köchinnen und Köche, die, wenn überhaupt, nur noch Salate anrichten und Schmorgerichte ohne Anbraten im geschlossenen Topf machen, weil die Designküche sonst nicht mehr für Bilder à la „SCHÖNER WOHNEN“ taugt. Ein befreundeter Edelschreiner von Edelküchen in Edelhaushalten (nicht die oberen Zehntausend, nur die Oberen Tausend) hat mir schon vor Jahren erzählt, dass in seinen neuen Hochglanzküchen auf den Marmorflächen oft nur das Hundefutter zusammengerührt wird und die Kaffeemaschine ausgestellt. Alles Weitere passiert (wenn überhaupt) im Keller in der alten, dort neu aufgestellten Küche.

Backzutaten haben keine der genannten handfesten Nachteile. Der im Entstehen begriffene Kuchen verströmt paradiesischen Duft, schleudert keine Fettspritzer herum und sieht dann toll aus. Das ist doch auch was, oder? Die Deko-Ausrüstung als Schminkkästchen in der Küche, genauso gut ausgestattet wie im Badezimmer dank unzähliger spezialisierter Internetshops. Nie gab es so viele Möglichkeiten, sich schön zu trimmen – gilt das für die Frau wie für den Kuchen?  Was möglich ist, wird auch gemacht. Die Wissenschaft zeigt den Weg.

All diese Fragen harren weiterhin (m)einer Antwort. Für weitere Fragen, Antworten und Anregungen bin ich dankbar, aber jetzt machen wir einfach einen Salat, einen Tomatensalat. Es ist die beste Zeit im Jahr dafür. Nie sind die Tomaten so bunt und so vielfältig und so reif und so günstig. Da muss man sich wirklich nicht die Küche versauen.

 

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Gasthaus „Zur Henne“

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Deutschland droht der Verkehrsinfarkt. 8 Milliarden Euro pro Jahr, mindestens 15 Jahre lang, sind fällig, um die Verkehrsinfrastruktur instand zu halten, zu erneuern und auszubauen. An Land, in der Luft und auf dem Wasser, besonders und gerade in den alten Bundesländern. Über die Gründe kann man sich echauffieren, viele Erklärungen werden bemüht. Die Wiedervereinigung (wer wollte darauf verzichten?) ist auf jeden Fall schuld, hat die Abermilliarden verschluckt, die nun fehlen. Bester Beweis: der prächtige Zustand der Straßen im Osten im Vergleich zum Westen. Der Nord-Ostsee-Kanal? Ein Opfer des Föderalismus: Der Bund und das Land Schleswig-Holstein streiten erfolgreich ums Nichtstun. Sonst kommt natürlich die Regierung gleich welcher Couleur in Frage, die jedes Problem bis zur nächsten Wahl gepflegt aussitzt. Schludrigkeit? Schlampigkeit? Gleichgültigkeit? Unfähigkeit? Bequemlichkeit? Quasi Zufallsfaktoren also?

Nein, die Misere hat System, ist gewollt. Unausgesprochen gehört diese Untätigkeit zum Aufbau Ost, der nichts kosten durfte. Ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis gibt es nicht.

Wie es funktioniert?

Nehmen wir Familie X auf dem Weg von München, also Süden der Republik, altes Bundesland, nach Dithmarschen, Norden der Republik, auch altes Bundesland. Die etwas kürzere Westroute über Würzburg, Kassel und Hamburg auf den alten Autobahnen erstickt im Verkehr und an den Baustellen. Familie X entscheidet sich also für die Ostroute, an Leipzig vorbei, Halle, Magdeburg, Hannover und Hamburg. Dort ist der Elbtunnel sowieso chronisch verstopft. Hamburg und die Elbe sind nur offiziell Deutschlands Tor zur Welt. Auf der Ostroute steht Familie X immer wieder stundenlang in Stau. Macht nichts, gehören doch die Baustellen zum Aufbau Ost. Man nimmt es gelassen, schaut sich um. Das ist recht hübsch, anders hübsch als im Westen, das Interesse ist geweckt.

 

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Ein paar Tage später die Rückkehr. Es ist Sonntag, LKW-freier Tag. Familie X entscheidet sich für die direkte Westroute, Hamburg, Hannover, Kassel, Würzburg, Nürnberg.  Das System zeigt sich von Anfang an: Es ist praktisch unmöglich, Dithmarschen samt seinen blühenden Kohlfeldern und Windparks zu verlassen. Letztes Jahr musste Familie X über Lübeck, also die Ostseeseite ausbüxen. Da war die Ostroute vorprogrammiert, die Masche war etwas grob. Dieses Jahr wird raffinierter vorgegangen. Dieses Jahr erreicht man Hamburg über eine einspurige Autobahn, aber immerhin. Doch dann bis Hannover ein einziger Stau. Durch Niedersachsen fährt Familie X Bundesstraße ohne Ortsumgehung. Das Land hat finanzkräftige Touristen aus dem Süden nötig, seinen Charme sieht man von der Autobahn aus nicht genug. Jetzt vergisst man die Zeit, grüne Obstplantagen, pralle Hofläden in idyllischen Fachwerkhäusern, Schwarzkopfschafe mit hüpfenden, leise blökenden Lämmern, Pferde, neugeborene Fohlen, ein Gasthaus nach dem anderen. Wie wäre es, irgendwann einmal mit einem kleinen Urlaub hier? Bestimmt politisch höchst korrekt.

Die Zeit holt Familie X ein. Es ist schon spät, noch ungefähr 600 km nach München, Hessen noch nicht in Sicht. Hessen? Glaubst du. Noch vor Hannover wird mitgeteilt, der unendliche, niedersächsische Stau gehe nicht nur weiter, sondern wachse im Stundentakt. Die einzige Lösung: die Ostroute. Also Kap auf Thüringen und Sachsen-Anhalt zur gelobten A9. Als ob es so einfach wäre. Auch dort befinden sich nun unüberwindbare Knoten, z.B. um Leipzig herum. Also Bundesstraße Richtung Naumburg, durch den Harz sogar 4-spurig und leer. Das ist die erste Lektion. Was man dann aber alles nicht entdeckt als Westreisender durch die unbekannten Gebiete!

Die bunte Harzstadt Wernigerode, den Brocken. Den gibt es wirklich, majestätisch im Nebelschleier, mit einer wunderschönen Eisenbahn bis zum Gipfel. Die Sehnsüchte werden wach. Unzählige, fröhlich winkende Landgasthöfe, Straußenfarmen. In den Hofläden kann man frische Straußeneier kaufen. Könnte man, wenn es nicht so spät wäre. Kürbisfelder in den buntesten Farben, Traumdörfer. Von Querfurt über Jüdendorf nach Steigra, ein wirklich göttlicher Einfall der Navi-Tante: zehn Kilometer perfekt erhaltene DDR-Chaussee, vierstellige Kreisstraße. Es fehlt kein Pflasterstein im goldenen Abendlicht. Gut 400 km vor München streicheln Walnuss- und Kirschbäume das Autodach. Ein unvergessliches Erlebnis.

Nun regt sich bei Familie X der Hunger. Völlige Erschöpfung macht sich breit ob so geballter Schönheit. Doch weit und breit kein rettender Hafen, die Landgasthöfe sind wie vom Boden verschluckt. Doch plötzlich in Naumburg, kurz vor der A9 und ihren tristen Raststätten, leuchtet in der untergehenden Sonne das Hotel-Gasthaus „Zur Henne“. Die prachtvolle Gründerzeitarchitektur thront über der sanften Saale, ihre Backsteine rot wie einstmals der Osten. Auf einer schattigen Terrasse am Fluss trinken Glückliche Saale-Unstrut-Weine. Blumen in einer warmen Speisestube erblickt man durch die offene Tür. Wunderbare Verheißungen. Nächte in duftenden Zimmern malt man sich aus. Familie X kann es nicht lassen, schaut die Karte an. Gehobene, doch regional geprägte Küche, Preise, fast ein Geschenk. Familie X verzichtet schweren Herzens. Um zwei in der Nacht erreicht sie völlig erschöpft München. Sie hat das System inzwischen verstanden.

Wer im Gasthaus „Zur Henne“ bleibt, ist wie Odysseus in den Armen der Circe. Er möchte vielleicht, kann aber nicht weiterziehen. Es ist zu betörend. Wer der Stimme der Sirenen widersteht, kann sie nicht mehr vergessen. Eines Tages, das ist gewiss, kommt er zum Paradies zurück. Von dort aus sind die Wunder des Ostens zum Greifen nah, zur freiwilligen Eroberung bereit.

Deswegen stocken die Investitionen im Verkehrsnetz, nichts als ein durchdachter Entwicklungsplan. Die Renovierung vom Gasthaus „Zur Henne“ hat gereicht.

Die lauschige Terrasse kann ich nicht vergessen. Dort hätte ich gern meinen Lieblingssommertee getrunken. Hier ist er, nur ein schwacher Trost, aber immerhin.

 

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Auf die letzten, schönen Sommertage!

Veggie or not veggie

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In Deutschland wird viel gejammert: Auf hohem Niveau viel gejammert, über Luxusprobleme viel gejammert. Ein Paradebeispiel: Nicht mal 6 Wochen vor der Bundestags- und der Landtagswahl in Bayern ist das große Thema im Wahlkampf der grüne Veggietag in den Kantinen der Republik.

Steuerpolitik, Eurokrise, globale Überwachung, Klimawandel, Energiewende, Einwanderungspolitik, Fachkräftemangel, Nahost, Fernost, Bienensterben, Sotchi oder nicht Sotchi – alles Pipifax, alles anscheinend geregelt. Der Veggieday steht auf der Tagesordnung. Zwangsernährung sozusagen! Selbst der Vorschlag, die Steuer für den Mittelstand kräftig zu erhöhen, hat den Grünen nicht so viel Aufmerksamkeit beschert.

Ich wundere mich über den allgemeinen Aufschrei, das Grölen der Boulevardpresse („Wir lassen uns unser Fleisch nicht vermiesen“), über die neoliberalen politischen Statements („Essen ist eine private Angelegenheit, der Staat muss sich tunlichst raushalten“). Als ob Deutschland irgendwelche Probleme mit Vorschriften hätte. Als ob der Staat nie ein Wort verlieren würde über all das, was seine Bürgerinnen und Bürger sich in den Mund stecken.

Ich wundere mich weiter (wenn auch nicht übermäßig) über das Wüten in der Lifestyle-Männerpresse, Typ „Beef“. Frauen, junge Frauen, gebildete junge Frauen, um ganz genau zu sein, bilden die deutliche Mehrheit der Vegetarier. Da versteht man das große Schlottern besser, oder?

So viel Wind um eine so harmlose Sache? Wären die Grünen inzwischen nicht feige Realos, hätten sie eine allgemeine Fleischrationierung verlangt. Fleischkarten wie in der Nachkriegszeit. Für die Umwelt ein Segen. Nach der Energiewende die Fleischwende!

Doch bleiben wir beim kleinen, netten Veggietag. Über das Jammern als solches habe ich mich gerade ausgelassen, wo sind nun das hohe Jammerniveau und die Luxusprobleme?

Der politische Meteorit Veggieday schlägt in ein Land ein, wo er in sehr vielen Einrichtungen völlig freiwillig Alltag ist, siehe Bremen. In ein Land, wo es ca. 7 Millionen Vegetarier und eine wachsende vegane Szene gibt, siehe Berlin. Dazu kommt eine unbekannte Zahl sogenannter „Flexitarier“ (ich gehöre dazu), die schmerz- und terrorlos ihren Fleischkonsum aus ökologischen wie kulinarischen Gründen einschränken. In einem Land, wo es inzwischen fast mehr Bioläden als Apotheken gibt.

Schauen wir mal über den Tellerrand.

Ich arbeite mit Kollegen aus ganz Europa. Mittags esse ich mit ihnen. Nach Jahren des berechtigten Wehklagens über die alte Mensa haben wir eine brandneue bekommen. Wir essen in einem lichtdurchfluteten Raum in hellen Farben. Alles kommt frisch gekocht aus der hauseigenen Großküche und in Bioqualität: die Currywurst aus den Herrmannsdorfer Landwerkstätten, also von freilaufenden, glücklichen, stressfrei geschlachteten Schweinen; die Brathähnchen von den zwischen den Schweinen ebenfalls freilaufenden, glücklichen Hühnern.

Es gibt ein wahrhaft himmlisches Salatbüffet. Unsere Mensafirma „Il Cielo“ gehört einer italienischen Familie, von Salat und Gemüse verstehen die was. Suppe, Dessert, bunte Gemüsegerichte, abwechslungsreiche Beilagen, regelmäßig Fisch, gutes Fleisch gekonnt vorbereitet und in überschaubaren Mengen, einmal die Woche Veggietag. Worüber sollte man klagen? Das tun selbst meine sonst so fleischbesessenen britischen Kollegen nicht. Sie vertrauen darauf, dass man es gut meint mit ihnen. Darauf vertrauen sie und freuen sich.

Nicht so die Franzosen und Spanier. Blass und lustlos stochern sie in ihrem Teller rum, an den Veggietagen sowieso, ganz besonders aber, wenn es Fleisch gibt.

„Das ist ja schrecklich, ich muss das heute Abend wieder nachholen. Ich bin müde, wenn ich nur daran denke.“ Ich mache große Augen: „Was musst du nachholen?“ „Nun, das Fleisch. Wir kriegen hier kein Fleisch!“ Er rührt gerade in einem sehr schmackhaften Kalbsrahmgulasch mit feiner Pilzsoße. „Ja, verstehst du, das hier, das ist nicht schlecht, das muss ich ihnen lassen. Aber das ist kein Fleisch. Ich brauche richtiges Fleisch und das machen sie nie hier. Das macht mich krank!“ „Wie, es macht dich krank?“ Ich verstehe immer weniger. „Es ist Fleisch. Fleisch ist Fleisch. Es ist sogar bio, es gibt nur einen Tag, an dem es keins gibt.“ „Nein, das ist etwas in Soße. Kein wirkliches Fleisch. Ich brauche gebratenes Fleisch, ich verlange nicht mal Gegrilltes. Noch rosa, wenn es sein muss, ich verlange nicht mal blutig. Das kann doch nicht so schwer sein, aber das kriegen wir hier nie. Also muss ich mir abends ein Steak machen mit  einer richtigen Beilage. Nicht diese Knödel, Bulgur oder Puffern wie hier, sondern ein Kartoffelgratin oder Croquettes. Du weißt schon, das dauert ewig, und ein Glas Wein dazu. Warum kriegen wir das nicht hier? Und dann kann ich nicht mehr schlafen, weil ich das Ganze noch verdauen muss. Tag für Tag das gleiche Elend. Diese Mensa bringt mich um.“ Mit wehleidigem Raunen stimmen ihm die gleichfalls geplagten Kollegen zu.

Was sagt man dazu?

Sommerschlaf

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Seit zwei Monaten liegt mein Blog im Sommerschlaf. Das wollte ich nicht. Das wollte ich nie. Seit zwei Monaten kribbelt es mir unter den Fingern, jeden Tag juckt es mehr. Der Abend kommt und ich fasse es nicht. Wie? Noch ein Tag verflogen und du hast es nicht gemerkt? Morgen musst du, morgen machst du, was soll das!

Juni war noch harmlos, der ganz normale Wahnsinn. Ich bekam die alljährige Warnung. „Ende des Schuljahres!  Du glaubst immer, es wird ruhiger. Das stimmt nie, im Gegenteil.“ Wie alle Jahre wieder, glaubte ich dieser Warnung nicht. Sie war selbstverständlich wahr, Zeitnot und schlechtes Gewissen fingen an zu sticheln. Diese Art von Akupunktur betäubt wirksam das Kribbeln unter den Fingern, lässt aber das schlechte Gewissen wachsen. Sehr schnell entsteht ein (un)hübscher Teufelskreis.
Im Juli kam nach der Flut die Hitze. Auf die Hitze kann man viel schieben, schlechter Schlaf, böses Aufwachen, Ausgehlaune, bleierne Hand, Ferienträume. Doch das schlechte Gewissen wacht immer. Es ist ein hyperaktiver Allesfresser mit der Nase eines Trüffelschweines. Kilometerweit, metertief wittert es seine lahme Beute.
Es wächst schnell zu einer hundertköpfigen Hydra. Jeder Kopf hat seine eigene Stimme. Tranchierst du einen, kommen an der Stelle bekanntlich zwei nach.
Die Köpfe meiner Hydra sprachen alle gleichzeitig, alle mit voller Überzeugung. „Wann philosophierst du wieder?“, „Wann gehst du wieder auf Entdeckungsreise durch München?“, „Dein Blog muss gepflegt werden, pass doch auf!“ (diese Stimme klang mütterlich besorgt), „Was ist mit dem Katzencafé?“, „Hast du nicht mal gesagt, du schreibst über die Steinzeitdiät?“. Ja, das habe ich alles vor, deswegen mache ich es nicht! Die Hydra mutiert zum Kopf der Medusa, bald macht er die Augen auf, ich spüre schon die bleierne Schwere der Versteinerung. Von den Fingerspitzen kriecht es zu den Schultern hoch.
Die Hydra hat auch süße, tröstliche Stimmen. „ Was machst du dir so einen Kopf (als ob es nur einer wäre…)? Nimm es doch ganz gelassen! Du musst keine langen Texte schreiben, du musst nicht immer intelligent sein, es muss nicht perfekt sein. Ein Blog ist frei, damit machst du, was du willst, wie du willst!. Mach dir eine Freude damit!
Das ist das Allerschlimmste. So einfach. So einleuchtend. Wie kann sich die Hydra mit so magerer Kost zufrieden geben? Die Köpfe blaffen sich nun Tag und Nacht an. Es muss aufhören, egal wie, klug oder nicht, witzig oder nicht, mit Stil oder ohne.

Was tun? Die Lösung des Tages lautet: an jedem Sonntag kommt ein Blogeintrag raus. Mehr ist Luxus. Klingt einfältig angesichts der Hydraproblematik. Ich will aber nicht die Wahl haben, das tut mir nicht gut. „Die wahre Freiheit ist das selbstauferlegte Gesetz.“ – Jean-Jacques Rousseau. Wolfgang, bist du mit dem Philosophieren zufrieden, für eine Weile wenigstens? Also, Einfalt sei gegrüßt und raus in die Freiheit.

Zur Feier des Tages und der Hitze wegen eine supereinfache, kalte Suppe. Ich experimentiere im Moment viel mit kalten Suppen. Die Hydra hat bisher die Kochlust nie vertreiben können. Die Kochlust scheint immun zu sein. Da muss ich anscheinend ansetzen. Kalte Suppen für den kühlen Kopf, gegen die hitzigen Hydraköpfe.  Die Not ist ein großer Lehrmeister (siehe Bemerkung „Philosophieren“).

Gaspachos, ursprünglich aus Andalusien, sind geniale Sommergerichte. Blitzschnell gemacht, köstlich erfrischend, schlummern sie ruhig im Kühlschrank, bis man von Strand, See, Wiese, Wald, Berg, Shopping-tour, Mittagsschlaf, was auch immer, zurück ist. Man kann sie aus alles Möglichem zaubern, längst nicht nur aus Tomaten. Ist man hungrig, isst man sie mit Brot und Schinken. Ist man lediglich durstig, schlürft man sie wie einen gesunden Cocktail. Hier ein erstes, tomatenfreies Beispiel.

 

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WassermelonengaspachoAug13

(Wie immer kann das Rezept zum Drucken oder Vergrößern einfach angeklickt werden!)

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À dimanche!